Moralität und Bewusstsein

Moralität und Bewusstsein. Die Grenzen der Reflexionsphilosophie

Promotion Arthur Kok, M.A.

Mein Projekt beansprücht, eines der wichtigsten Begründungsunternehmungen in der modernen Philosophie zu überprüfen. Hegel versucht mit seinem System, die Voraussetzung eines impliziten Absoluten zum expliziten Bewusstsein zu erheben. Ein philosophisches System produziert deswegen keine neuen materialen Erkenntnisse, sondern expliziert die Form (und Inhalt) dessen, was immer schon als vorausgesetzt impliziert ist. Im System steht die Selbstbestimmung der Vernunft durch Reflexion, als das auf sich bezogene Denken, im Zentrum. Die Überprüfung eines philosophischen Systems vollzieht sich über die Linien einer radikal durchgeführten Reflexion. Solche Reflexion erfordert nicht nur das Primat des Arguments über unreflektierte Voraussetzungen, sondern auch die ebenso argumentierte Begrenzung des Bereichs verschiedener Argumentationsstrukturen (hier: transzendentale Deduktion und spekulative Dialektik).
Es war Kant, der diese kritische Selbstbeschränkung der Vernunft zum ersten Mal durchgeführt hat, ohne jedoch die Vernunft wirklich zu begründen. Unter anderen versuchte Hegel diese Begründungslücke bei Kant zu schließen. Ich versuche, diesen Übergang von Kant zu Hegel systematisch darzustellen, mit dem Ziel, die zwei wichtigsten Argumentationsstrukturen für die Reflexion, die transzendentale Deduktion (Kant) und die spekulative Dialektik (Hegel), immanent zu überprüfen. Um dieses Ziel erreichen zu können, ist es notwendig die Fundierung des theoretischen Vermögens zum Deduzieren im Faktum der Vernunft (in der Kritik der praktischen Vernunft) kritisch zu durchdenken. Bei Kant tritt aber das Problem auf, dass seine Begründung des reinen Vernunftvermögens eigentlich keine Theorie der wirkenden Vernunft begründen kann, ohne einen unreflektierten Sprung zu machen (die Lücke zwischen Faktum und Postulat).
Hegel hat (nach Fichte) diese Lücke gesehen und versucht sie zu schließen, indem er Kants negative Auffassung der spekulativen Vernunft im Verhältnis zum dialektischen Fortgehen der Vernunft neu zu bestimmen versucht. Zuerst zeigt Hegel, dass Kant in seiner Bewusstseinsphilosophie in der KrV massiv unreflektiert bleibt und keine Theorie des Bewusstseins des Bewusstseins hat. Folglich will er zeigen, dass diese Kritik sich auf Kants Moralphilosophie übertragen lässt. Meine Hypothese ist, dass Hegels Kritik an Kants Bewusstseinsphilosophie zutrifft; aber dass er in Verwendung dieser Kritik auf der Ebene der moralischen Philosophie Kants nur teilweise erfolgreich ist. Meine These ist deshalb, dass Hegel die formale Struktur der KpV letztlich nicht richtig verstanden hat. Hegel unterschätzt das Potenzial des Vernunftvermögens, deduzieren zu können, und kommt folglich zur einseitigen Kritik des Faktums der Vernunft. Wo einerseits bei Kant die Subjektivität gar keine positive Stellung in seiner Philosophie hat, und Hegel andererseits dazu neigt, das Subjekt als Substanz gedacht zu sehr zu verabsolutieren, gibt mein Vergleich Anlass, zu einer radikalen Neubewertung der praktischen Philosophie Kants, worin das reine Vernunftwissen erneut seinen Platz findet. In meinem Projekt gibt es zwei Methoden. Einerseits eine komparative Analyse der Kritik der praktischen Vernunft und der Phänomenologie des Geistes, genommen als zwei Begründungsschritten der Vernunft. Solcher Vergleich kann nur erfolgreich sein, wenn die Argumentationsstrukturen die-ser Werke nachvollziehende Reflexion selbst geprüft werden. Deshalb ist es andererseits notwendig den Begriffszusammenhang der Moral- und Bewusst-seinsphilosophie Kants und Hegels systematisch, d.h. mit den innerlich abge-leiten Kriterien reflektierender Vernunft selbst, darzustellen. Diese zweite Methode enthält nichts Vorgegebenes, sondern betont die Notwendigkeit, die Wechselwirkung zwischen meiner eigenen Vernunfttätigkeit und deren Ex-plikation bei Kant und Hegel innerhalb der Bearbeitung ihrer Texten bewusst und explizit zu machen.

Laufzeit: 1.08.2008 - 1.08.2011
Förderung: Universiteit van Tilburg (www.tilburguniversity.nl)