Individualität und Intersubjektivität in der Philosophie Johann Gottlieb Fichtes

Individualität und Intersubjektivität in der Philosophie Johann Gottlieb Fichtes oder was ist eine Person?

Promotion Daniela Schmidt, M.A.

Johann Gottlieb Fichtes philosophische Karriere beginnt zu einer Zeit, die von der Auseinandersetzung um die Frage, wie objektiv gültiges Wissen gesichert werden kann, geprägt ist. Die Beantwortung dieser Frage obliegt gemäß Fichte allein der Philosophie, welche dem Bedürfnis des Menschen nach zuverlässiger, durch skeptizistische Einwände unerschütterlicher, Erkenntnis Rechnung trägt, indem sie die zur Erfahrung eines jeden Menschen gehörigen, im Alltag jedoch unhinterfragt bleibenden, Vorstellungen in ihrer Gültigkeit und Rechtmäßigkeit begründet. Will die Philosophie dieser Aufgabe nachkommen, so darf sie nicht mehr bloße “Liebe zur Weisheit” sein, sondern muß in den Rang einer evidenten und allgemeingültigen Wissenschaft erhoben werden. Dieser Anspruch läßt sich nach Fichte allein im Rahmen eines Systems einlösen, dessen Sätze auf der Basis eines unmittelbar einleuchtenden Prinzips einen notwendigen und geschlossenen Zusammenhang bilden. Dieses System, dem Fichte den Namen “Wissenschaftslehre” verleiht, soll nicht nur ein zusammenhängendes, in sich widerspruchsfreies Bild der Welt offerieren, sondern im selben Zug Antworten auf die existentiellen Fragen nach Freiheit und Verantwortlichkeit liefern, wobei Fichte unter dem Term “Freiheit” die verantwortliche Urheberschaft und persönliche Zurechenbarkeit von Handlungen verstanden wissen will. Ob der Fichtesche Anspruch, mit seiner Wissenschaftslehre die Grundstrukturen der Realität abgebildet und zugleich das erste System der Freiheit geschaffen zu haben, tatsächlich berechtigt ist, läßt sich allein anhand seines Individualitäts- und Intersubjektivitätskonzepts sinnvoll überprüfen, weil die individuelle Person mit ihren intersubjektiven Beziehungen im System der Freiheit den eigentlichen Träger dieser Freiheit bildet. Legt man der Person Selbständigkeit und Individualität als Charakteristika zugrunde, wie es vor dem Hintergrund des Fichteschen Freiheitsverständnisses unerläßlich zu sein scheint, ergibt sich das Problem, welchen Platz sie innerhalb des notwendigen und geschlossenen Begründungszusammenhangs eines Systems einnehmen könnte. Kann die Einbettung der Person in ein System also überhaupt gelingen oder stehen sich beide Begriffe konträr gegenüber? Aufgabe und Ziel meiner Dissertation ist es, auf diese Frage eine Antwort zu geben, wobei insbesondere zu untersuchen ist, wie die Individualität der Person konzipiert wird, welche Art Freiheit bei Fichte zum Tragen kommt, ob die Intersubjektivitätstheorie einen Spiegel konkreter, alltäglicher Interaktionen bildet und inwiefern die Erkenntnis anderer Vernunftwesen als solcher sowie deren Kommunikation untereinander im monologischen Rahmen der Wissenschaftslehre erklärt werden kann. Auf der Grundlage der bei der Ausleuchtung der zentralen Schriften Fichtes zur Wissenschaftslehre sowie deren einzelnen Teildisziplinen erzielten Ergebnisse wird dann die Frage zu beantworten sein, ob mit Fichte ein entscheidendes Argument für die Verträglichkeit von Person und System geliefert werden kann oder ob das Bedürfnis nach rationaler Erklärung der Welt, das Fichte dem Menschen attestiert, mit seinem Selbstverständnis als eines frei und verantwortlich handelnden Wesens, das durch die Wissenschaftslehre gleichermaßen gesichert werden soll, in Konflikt gerät.

Laufzeit: 1.04.2007 - 30.09.2011
Förderung: Stipendium der Doktorandenschule „Laboratorium Aufklärung“