Vernunft und Anschauung beim späten Fichte

Vernunft und Anschauung beim späten Fichte

Tagung Daniela Schmidt, M.A., Prof. Jürgen Stolzenberg

„Bevormundung, Gefühllosigkeit, Einförmigkeit, Unterdrückung von Differenz assoziieren wir heute mit dem Ausdruck »Vernunft« weit eher als jene Befreiung aus Unmündigkeit, jenes beharrliche Anmahnen menschenwürdiger Verhältnisse, jene zwanglose Orientierung zum Besseren, die der »Menschenvernunft« einst von der Aufklärung zugetraut wurden.“ Diese wenigen, aus der Einleitung des Bandes Die eine Vernunft und die vielen Rationalitäten entnommenen Zeilen kennzeichnen sehr treffend die Situation, in welche das Reflektieren über Begriff, Vermögen und Reichweite der Vernunft aktuell gestellt ist: Lässt sich der auf eine grundsätzliche Akzeptanz des Vernunftkonzepts orientierte, untrennbare Zusammenhang von Vernunft und Kritik bis ins antike Griechenland zurückverfolgen, sieht sich das aktuelle Reflektieren auf die Vernunft seit dem 19. Jahrhundert mit Ansätzen fundamentaler Vernunftkritik konfrontiert, die besagtem Vermögen ein Streben nach Vereinheitlichung und Nivellierung des Heterogenen, Differenten, Anderen unterstellen und infolgedessen auf eine vollständige Entthronung der Vernunft abzielen.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Spielarten einer derartigen Fundamentalkritik wurden diverse Versuche zur Rehabilitierung dieses für die Philosophie grundlegenden Begriffes unternommen. Ob in Habermas’ Projekt der unvollendeten Moderne oder in Schnädelbachs Versuch, der fundamentalen Vernunftkritik eine als Theorie der Rationalität auftretende Philosophie entgegenzustellen, meist weicht der Ausdruck „Vernunft“ in diesen Versuchen demjenigen der „Rationalität“, und an die Stelle der traditionellen, auf Einheit angelegten Vernunftkonzepte tritt eine Pluralität von Rationalitätstypen, deren interner Zusammenhang bis heute fraglich ist.

Was mit dieser Entwicklung verloren geht, ist das Ganze, das mit dem Begriff der Vernunft einmal verbunden war. – Ein Verlust, der v. a. angesichts des Umstandes beklagenswert ist, dass der Begriff der Vernunft zu den Begriffen gehört, mittels derer sich der Mensch auf sich selbst bezieht, interpretiert und orientiert. Kaum ein Philosoph hat dies so deutlich gesehen wie Johann Gottlieb Fichte, der dieser Einsicht Ausdruck verleiht, indem er sein Vernunftkonzept mit dem Begriff des Selbstbewusstseins konnotiert. Was Fichte im Blick hat, ist eine Vernunft, die auf ein Ganzes hin orientiert ist und die insofern nur intuitiv vergewissert werden kann, weshalb das begrifflich-rationale Denken, das zumeist die eigentliche Zielscheibe der radikalen Vernunftkritik bildet, nicht deren primären Modus darstellt. Birgt die Philosophie Fichtes also Potentiale, die für das gegenwärtige Reflektieren auf den Begriff der Vernunft fruchtbar gemacht werden könnten oder verfällt auch sie dem Diktum der uniformierenden, selbstmächtigen Vernunft, die alles Differente zu beherrschen strebt? Ziel der Tagung ist es, diese Frage ausführlich zu diskutieren, wobei insbesondere das Vernunftkonzept und mit ihm das Konzept der Anschauung in der Spätphilosophie Fichtes im Mittelpunkt des Interesses stehen soll.

Laufzeit: 1.04.2012 - 20.05.2012
Zeiten: 18.-19. Mai 2012 Fr 14:00 - Sa 13:00
Ort: Barockschloss Rammenau
Materialien: application/pdf iconTagungsprogramm.pdf