Weltbürgerliche Perspektive und nationale Weltansichten

Weltbürgerliche Perspektive und nationale Weltansichten:Die Dialektik des Kosmopolitismus in der deutschen klassischen Philosophie

Die heutige Krise der Europäischen Union ist nicht nur eine Systemkrise der wirtschaftlichen Regulierung oder eine Legitimationskrise der politischen Institutionen; es ist auch primär eine philosophische Krise unserer begrifflichen Modelle. Die europäische Konstruktion als institutionalisierter Prototyp des modernen Kosmopolitismus, ist noch immer weitgehend nach dem Muster der Nationalstaatlichkeit gedacht, sei es um sie auf eine internationale Organisation souveräner Nationen zu reduzieren oder um sie in einen europäischen Superstaat umzuwandeln. Diese Spannung zwischen der weltbürgerlichen Absicht der EU und den nationalen Weltansichten ist aber kein beiläufiges Stolpern einer ansonsten erfolgreichen Geschichte;sie hat vielmehr tiefe philosophische Gründe.

Weltbürgertum und Nationalstaat haben ja bekanntlich die gleiche Geburtsstunde, nämlich in jener Epoche, in der die bürgerlichen Revolutionen gleichzeitig die jeweiligen Nationen konstituieren und dem europäischen Kontinent den Weg eines neuen gemeinsamen Schicksals eröffnen: während die Welt selbst – ein Begriff, der nie so vielfältige Verwendung gefunden hat wie in dieser Zeit (Weltgeschichte, Weltliteratur, Weltbürgertum, Weltrepublik, Weltansicht, usw.) – als eine neue Dimension des Politischen und des Rechts entsteht, übernimmt die Nation europaweit die Funktion einer unabdingbaren politischen und kulturellen Voraussetzung moderner Staatlichkeit. Hinter diesem weder zufälligen noch bedeutungslosen gleichzeitigen Auftreten auf der politischen Bühne der Geschichte Europas spielt sich zugleich eine philosophische Dialektik ab. Charakteristisch verdichtet zeigt das in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert vor allem in der klassischen deutschen Philosophie und in der Romantik.

Schon bei Kant, dem mutmaßlichen Vater des modernen Kosmopolitismus, lässt sich die Vielheit der Staaten nicht unmittelbar in eine Weltrepublik aufzulösen; stattdessen schlägt er vor, die republikanisch organisierten nationalen Gemeinschaften in ihrer Verschiedenheit anzuerkennen und in einen freien Völkerbund zu integrieren. Die Absicht einer allgemeinen rechtlichen Weltordnung wäre also einzig durch die Pluralität und Besonderheit der Staaten zu erreichen und lässt sich anders gar nicht denken. Gleiches gilt für Fichte: Ihm zufolge müssen die charakteristischen Eigenschaften der vielfältigen Völker als Ausdruck der geistigen Natur der Menschheit geachtet werden. Sie sollen zur Verwirklichung einer vielseitigen Kultur der Freiheit beitragen, sodass der Kosmopolit immer auch ein Patriot und umgekehrt der Patriot immer Kosmopolit sein soll. In dieser Hinsicht, bei Fichte wie bei Lessing, Herder, Goethe oder Schlegel, erscheinen Kosmopolitismus und Nationalismus, bzw. Patriotismus nicht mehr als Gegensätze, sondern eher als wechselseitige Aspekte ein und derselben politischen Haltung, ein und derselben geschichtlichen Dynamik. Darüber hinaus hat Humboldt die Idee entwickelt, dass die Einheit der menschlichen Sprachgemeinschaft nur durch die Eigentümlichkeiten der vielen Nationalsprachen als spezifische Weltansichten einen Sinn haben können.

Eine solche Dialektik der kosmopolitischen Perspektivität nimmt sich in einem harmonischen Pluralismus doch nicht so leicht und schön aus. Von Anfang an droht dieser Dialektik die Gefahr sich aufzulösen, indem die zwei Perspektivpole ihre begriffliche Spannung verlieren und sich die Pole in ihrer Beziehung aufeinander trennen, einerseits auf dem Weg eines nationalen und kulturellen Partikularismus, andererseits in der Form eines religiösen (Novalis, Eichendorff) oder rationalen (Fichte) Universalismus. Es stellen sich dabei unter anderen Fragen der besonderen Rolle Deutschlands, des Status Europas, der Funktion der Nation als Identitätsstruktur und Integrationsmuster, der Grenze der Volksouveränität, der Spannung zwischen Anerkennung und Konflikt, der individuellen Aufgabe des Kosmopoliten, des Kerns des Weltbürgerrechts oder der Bedeutung der Grenzen in dieser kosmopolitischen Dialektik.

Es soll geprüft werden, inwiefern die Durchdringung der begrifflichen Spannungen des Kosmopolitismus in der klassischen deutschen Philosophie erhellend für die heutige Situation sein kann; eine Situation, in der die Gesellschaften in einen immer breiteren Prozess der Globalisierung eingetreten sind, eine Situation, in der die Rolle des Nationalstaates zunehmend relativiert wird, während gleichzeitig die normative Idee des Kosmopolitismus in eine tiefe Legitimationskrise geraten ist und durch das Wiedererstarken des Nationalismus unabweislich herausgefordert ist.

Email an: qlandenne@notpartofaddress.gmail.com

Laufzeit: 25.07.2016 - 21.01.2017
Zeiten: 19.-20. Januar 2017
Ort: Technische Universität Berlin, Hardenbergstraße 16-18, 10623 Berlin, Raum HBS 005
Materialien: application/pdf iconKosmopolitismus.pdf